Sehen

Sich im Kreis zu drehen ist noch kein Beweis für Bewegung.

Ich versuche seit Jahren herauszufinden, was ein Bild heute noch sein kann. Ich habe die Antwort nicht. Man kann sie sich auch nicht am Tisch ausdenken. Man kann sie nur malen und schauen, was passiert. Der Grund dafür hat weniger mit Kunst zu tun, als man denkt.

Der Antrieb war von Anfang an derselbe. Ich wollte Bewusstsein erweitern. Das klingt groß, ist aber einfach gemeint: mehr sehen, als man gewohnt ist zu sehen.

Wir gehen alle davon aus, dass Sehen ein Empfangen ist. Draußen ist die Welt, drinnen ist ein Bild davon, und das Bild stimmt ungefähr. Diese Annahme sagt niemand laut. Sie sieht auch nicht aus wie eine Annahme. Sie sieht aus wie der Boden, auf dem man steht.

Sie ist kein Boden. Das kann jeder an sich selbst prüfen, nüchtern, in einer Minute.

In jedem Auge gibt es eine Stelle ohne Sinneszellen. Dort ist ein Loch in deinem Blickfeld. Du hast es nie gesehen, weil es nicht schwarz ist. Es wird gefüllt. Nicht bemerkt: erzeugt.

Farbe ist auch nicht draußen. Draußen sind Wellen, und die haben keine Farbe. Rot entsteht erst in dir.

Und wenn zwei gleich lange Linien so angeordnet sind, dass eine länger aussieht, kannst du nachmessen, so oft du willst. Du siehst sie weiter verschieden. Das Wissen kommt beim Sehen nicht an.

Jede Nacht baust du außerdem eine ganze Welt. Mit Raum, mit Gewicht, mit anderen Menschen. Im Traum ist alles vollkommen überzeugend. Und nichts davon war da.

Der Grund dafür ist einfach. Wahrnehmung ist nicht darauf gebaut, richtig zu sein. Sie ist darauf gebaut, zu funktionieren. Wer schnell genug reagiert, überlebt. Wer wartet, bis das Bild vollständig ist, nicht. Richtig und brauchbar fallen dabei auseinander.

Was wir Wirklichkeit nennen, ist also eine Arbeitsfläche. Sie bringt uns gut durch den Tag. Sie garantiert nicht, dass wir die Sache selbst sehen. Ein anderes Wort dafür ist Schnittstelle: die Stelle, an der zwei Dinge sich berühren, die einander nicht kennen müssen.

Wenn das stimmt, dann sind viele Regeln, die wir für Regeln der Wirklichkeit halten, Regeln der Oberfläche. Loslassen heißt nicht, dass nichts mehr wahr ist. Es heißt: aufhören, die Oberfläche für den Boden zu halten.

Das fühlt sich an wie verlieren. Nach jedem Schritt fehlt etwas, das eben noch Halt gegeben hat. Aber was da wegfällt, war nie Besitz. Es war eine Gewohnheit.

Ob am Grund von allem eine Einheit steht, weiß ich nicht. Das kann niemand entscheiden. Sicher ist nur, dass die Trennung, von der wir ausgehen, keine Tatsache ist. Sie gehört zur Oberfläche. Deshalb ist das, was man zu verlieren fürchtet, dasselbe, was am Ende des Loslassens steht. Es kommt nicht später. Es war die ganze Zeit da.

Sagen kann ich das alles nicht. Sprache beschreibt, und jede Beschreibung schiebt einen Inhalt davor. Ein Argument überzeugt, ändert aber nichts. Siehe die zwei Linien.

Manche Menschen wissen das nicht aus Büchern. Sie hatten Zustände, in denen die Oberfläche kurz nicht gehalten hat. In Narkose, in tiefer Ruhe, an einem Wendepunkt, manche im Rausch. Sie kommen nicht mit einem Beweis zurück, sondern erschüttert. Und dann erzählen sie, was sie gesehen haben. Genau das klingt unglaubwürdig, und zwar zu Recht, denn der Inhalt beweist nichts. Worum es ging, war nicht der Inhalt. Es war, dass die Oberfläche für einen Moment als Oberfläche sichtbar war. Davon lässt sich nicht erzählen. Deshalb landen solche Berichte bei den Anekdoten, und der Gedanke landet mit ihnen dort.

Ein Bild kann etwas anderes. Es beschreibt nicht. Es stellt ein Sehen hin, und das Sehen passiert dann an dir selbst.

Deshalb lasse ich drei Dinge weg.

Ich male keine Figuren, keine Wesen, nichts, was man benennen kann. Sobald ein Ding im Bild ist, springt das Erkennen an. Dann sieht man nicht mehr, dann erkennt man nur noch. Die Fläche muss leer bleiben, damit das Sehen selbst sichtbar wird.

Ich male keinen Horizont. Damit gibt es keinen Standpunkt. Die Räume lassen sich nicht auflösen. Wer versucht, sie zu lesen, bekommt eine Tiefe, die der nächste Blick wieder umwirft. Das Auge bekommt alle Signale für Raum. Nur die Auflösung bekommt es nicht. Ein Raum, der funktioniert, ohne zu existieren.

Und ich male kein Licht, das von außen kommt. Das Licht kommt aus dem Bild. Farbe ohne Vorbild, Leuchten ohne Quelle. Nichts zeigt mehr nach draußen, weil es im Bild kein Draußen gibt.

Was übrig bleibt, ist eine Spur. Meine Bilder zeigen nicht, was da ist. Sie zeigen, dass etwas durchgegangen ist. Das, was sie festhalten, hat das Bild längst verlassen.

Beim Malen bin ich der Beobachter. Solange ich davorstehe, entscheidet sich alles an mir. Was bleibt, was verschwindet, wann es genug ist. In diesem Moment legt sich das Bild fest.

Dann höre ich auf und gehe weg.

Später steht jemand anderes davor, und ich bin nicht mehr da. Der Beobachter, an dem sich das Bild festgelegt hat, fehlt. Und damit ist das Bild wieder offen.

Ich denke dabei an das Doppelspaltexperiment. Man schickt einzelne Teilchen auf eine Wand mit zwei Spalten. Misst niemand, durch welchen Spalt sie gehen, entsteht dahinter ein Streifenmuster, als wäre jedes Teilchen durch beide gegangen. Misst man nach, verschwindet das Muster. Dann verhält sich jedes Teilchen wie ein Ding, das einen Weg genommen hat.

Physiker meinen mit Beobachter jede Messung und nicht ein Bewusstsein, das weiß ich. Ich nehme es als Bild und nicht als Beweis. Aber das Bild trifft, was ich meine. Solange gemessen wird, legt sich etwas fest. Fehlt die Messung, bleiben mehrere Möglichkeiten offen.

Ein fertiges Bild ist deshalb keine Nachricht von mir an dich. Es ist eine Stelle, die sich jedes Mal neu öffnet, wenn jemand davorsteht.

Ich weiß, wie meine Bilder von außen aussehen. Starke Farbe, sichtbare Geste, kein Gegenstand, Leuchtkraft. Dafür gibt es ein volles Regal der Kategorien. Es heißt psychedelisch, kosmisch, visionär, Science-Fiction, manchmal digital. Weiter hinten stehen die kunsthistorischen Fächer: lyrische Abstraktion, gestische Abstraktion, Farbfeldmalerei, Neo-Expressionismus, Neue Wilde, Op-Art, das Erhabene, Romantik, Zombie Formalism, Post-Internet. Für alles gibt es ein Fach. Das Einsortieren braucht kein Hinsehen, nur Merkmale, und nach zwei Sekunden ist es fertig.

Das ärgert mich nicht, es ist nur aufschlussreich. Auch dieser Blick ist auf Brauchbarkeit gebaut und nicht auf Wahrheit. Er will schnell eine Schublade öffnen und eine Sicherheit verstauen, um nicht die Orientierung zu verlieren. Sehen, was der Fall ist, dauert länger. Er macht also genau das, wovon der ganze Text handelt.

Und er verwechselt dabei Vokabular mit Grammatik. Diese Malerei benutzt einige Wörter dieser Ecke und keinen einzigen ihrer Sätze. Dort werden Zustände bebildert. Dort gibt es ein Jenseits, von dem berichtet wird, und die Farbe beschreibt ein Erlebnis. Bei mir gibt es nichts zu berichten. Kein Erlebnis, kein Jenseits, keine Botschaft. Was wie ein gesteigertes Sehen aussieht, ist ein Sehen ohne Gegenstand.

Ich schaue nicht nur auf Bilder. Die Rechte wird stärker, in fast jedem Land, und ich sehe dort vor allem Menschen, die sich vor Veränderungen fürchten, die sie nicht kontrollieren können. Das Klima kippt, und wir behandeln das wie eine Meinungsfrage. Eine Wirtschaft, die nur wachsen kann, frisst die Grundlagen auf, von denen sie lebt. Und es wird ununterbrochen Krieg geführt.

Ich habe dafür keine Erklärung. Ich traue auch keiner, die mir angeboten wird. Aber ich erkenne in all dem eine Bewegung wieder, die ich vom Malen kenne.

Wer eine Ordnung für die Wirklichkeit hält, muss sie verteidigen. Jede Änderung ist dann ein Angriff. Und wer sich angegriffen fühlt, wird hart. So fängt das meiste an, was Menschen einander antun. Nicht mit Bosheit. Mit Angst vor Verlust, und meistens mit der Angst, eine Gewohnheit aufgeben zu müssen, die Sicherheit gegeben hat.

Das gehört keiner Seite. Es passiert überall da, wo jemand meint, den Boden zu kennen. Auch bei denen, die sich für die Guten halten. Auch bei mir.

Beim Klima kommt etwas dazu, das unmittelbar mit dem Sehen zu tun hat. Unsere Wahrnehmung ist auf das gebaut, was nah ist, schnell und mit Gesicht. Eine Gefahr, die langsam ist, verteilt und ohne Gesicht, kommt bei diesem Apparat gar nicht erst an. Wir leugnen sie nicht nur. Wir sehen sie schlicht nicht. Das ist kein Charakterfehler, das ist die Bauweise. Ausgleichen kann man sie nur, wenn man weiß, dass man sie hat.

Und eine Wirtschaft, die von Aufmerksamkeit lebt, ist kein Zufall. Sie hat verstanden, wie dieser Apparat arbeitet, und zielt genau auf seine schwächste Stelle. Sie ist der bisher genaueste Beleg dafür, dass Wahrnehmung auf Brauchbarkeit gebaut ist und nicht auf Wahrheit. Nur benutzt sie das gegen uns.

Ich schreibe das in einer Zeit, in der Maschinen Bilder machen. Man tippt einen Satz ein und bekommt eine Ansicht, die nie jemand gesehen hat, von etwas, das es nicht gibt. Sie überzeugt sofort. Man nennt es künstliche Intelligenz.

Für die Malerei ist das keine Bedrohung. Es ist eher eine Bestätigung.

Diese Systeme sind Apparate, die aus Wahrscheinlichkeiten eine Welt bauen. Sie arbeiten hervorragend, ohne die Sache selbst zu kennen. Genau das behaupte ich über unsere Wahrnehmung. Wir haben uns jetzt eine zweite gebaut, außerhalb von uns, und können ihr beim Arbeiten zusehen.

Dabei geht etwas verloren, das lange selbstverständlich war. Ein Bild war ein Beweis. Wenn ein Foto etwas zeigte, dann war es da. Das gilt nicht mehr. Sehen und Glauben fallen jetzt öffentlich auseinander und nicht mehr nur in der Philosophie.

Deshalb glaube ich, dass wir in einem Übergang stecken. Übergänge fühlen sich so an, wie sie sich anfühlen, weil die Oberfläche aufhört zu tragen. Was gestern selbstverständlich war, trägt heute nicht mehr, und niemand weiß, was an die Stelle tritt. Das ist anstrengend, und es fordert uns mehr, als wir gewohnt sind.

In solchen Zeiten gibt es zwei Bewegungen. Die eine greift fester zu. Sie sucht eine Ordnung, die wieder wie ein Boden aussieht, und verteidigt sie. Das ist gerade die lautere von beiden.

Die andere schaut nach, was eigentlich hindert. Das ist die unangenehmere, denn das Hindernis liegt nie draußen. Es liegt in dem, woran man sich hält. Und das anzusehen ist fast immer das Schwerste, was im Moment zur Verfügung steht. Nicht weil es weh tut, sondern weil man dabei kurz keinen Boden hat.

Ich glaube, dass wir da gemeinsam durchmüssen und dass es keine Abkürzung gibt.

Ein Gemälde kann das nicht und will es nicht. Es ist eine Fläche, die auf nichts hin gerechnet ist, weil niemand sie ansehen muss. Malerei ist heute nicht wichtig, weil sie mehr zeigt als ein Bildschirm. Sie ist wichtig, weil sie weniger will.

Ich weiß, wie das klingt, wenn ein Maler so etwas schreibt. Ein Bild beendet keinen Krieg. Es senkt keine Emissionen. Es überzeugt niemanden, der nicht überzeugt werden will. Das ist mir klar, und ich will es nicht größer machen, als es ist.

Was ich anbieten kann, ist kleiner. Vielleicht ist es trotzdem nicht wenig.

Alles, was ich bis hier beschrieben habe, läuft auf eine einzige Fähigkeit hinaus. Sein Bild revidieren können, ohne sich dabei selbst zu verlieren. Das ist im Kern eine politische Fähigkeit. Eine Gesellschaft, die das nicht kann, wird hart. Ein Mensch, der das nicht kann, auch.

Und diese Fähigkeit lässt sich üben. Nicht mit Argumenten, die ändern nichts, siehe die zwei Linien. Sondern indem man sich in Lagen bringt, in denen die eigene Wahrnehmung sich vor einem selbst korrigiert und man merkt, dass man es überlebt.

Ein Bild ist so eine Lage. Es kostet nichts. Es verlangt nichts. Man steht davor, der Raum kippt, das Erkennen findet keinen Halt, und es geht einem gut dabei. Das ist die Übung. Erst dort, wo sie billig ist. Dann vielleicht an den Stellen, wo sie teuer ist.

Ich glaube nicht, dass Zeit nur eine Richtung hat. Wenn auch die Reihenfolge zur Oberfläche gehört, dann sind später und jetzt nicht so getrennt, wie es sich anfühlt.

Für meine Arbeit heißt das nicht, dass sie ihrer Zeit voraus ist. Das wäre ein Trost auf Rechnung der Zukunft, und darauf ist kein Verlass. Es heißt etwas Einfacheres. Meine Bilder sind ihrer Zeit gleichzeitig. Es passiert jetzt oder gar nicht. Hier, vor dem Bild, in den paar Minuten, die jemand davorsteht.

Das ist der Unterschied zwischen einer Ankündigung und einem Vollzug. Eine Ankündigung verweist auf eine Zukunft, in der sie eingelöst wird. Ein Vollzug findet statt oder nicht.

Ich behaupte nicht, dass mir das gelingt. Ich habe auch nicht den Anspruch, es zu schaffen. Ich glaube nur, dass der Versuch selbst schon die Sache ist. Man kann das nicht erreichen wollen und dann haben. Man kann es nur tun.

Und deshalb hält Malerei. Nicht, weil sie außerhalb der Zeit steht. Da steht nichts. Sondern weil es sich wiederholen lässt. Ein Bild läuft nicht ab. Es wartet. Und jedes Mal, wenn jemand davorsteht, passiert es wieder.

Zeitlos heißt nicht: außerhalb der Zeit. Zeitlos heißt: jederzeit.

Eines kann ich nicht beweisen, und darauf vertraue ich trotzdem. Das Loslassen der Sicherheit ist die eigentliche Antwort auf die Angst und nicht ihr Gegenteil. Eine Sicherheit, die verteidigt werden muss, macht immer neue Angst. Wer loslässt, verliert nichts, was er wirklich hatte. Meine Bilder haben keine Botschaft. Botschafter dafür wären sie gern.